Statt eines Vorworts

While riding on a train goin’ west
I fell asleep for to take my rest
I dreamed a dream that made me sad
Concerning myself and the first few friends I had...

How many a year has passed and gone
And many a gamble has been lost and won
And many a road taken by many a friend
And each one I’ve never seen again

I wish, I wish, I wish in vain
That we could sit simply in that room again
Ten thousand dollars at the drop of a hat
I’d give it all gladly if our lives could be like that
Bob Dylan's Dream, 1964

Freitag, 13. Juli 2012

Hotel Room


Hotel Room
Edgar Broughton Band, 1971
Edgar Broughton

Wer ist der geheimnisvolle, mysteriöse Mann, der dort in einer namenlosen Stadt in einem Hotelzimmer liegt und sich fragt, wo er ist? Es ist der vielfach in Hollywoodfilmen gesehene Archetyp des geheimnisumwitterten Fremden, der eines Tages in die Stadt kommt und den Gang der Ereignisse verändert. Die Edgar Broughton Band hat den Song Hotel Room 1971 veröffentlicht und damit einen bescheidenen Erfolg verzeichnen können. Er erzählt eine surreale Geschichte zwischen Traum und Realität und hat gar nicht die Reichweite, von einem Einfluss auf irgendwelche Ereignisse berichten zu wollen. Die Perspektive ist ausschließlich die des grübelnden Fremden auf seinem Bett, der hier gestrandet zu sein scheint, ohne zu wissen, was die nächste Etappe seines Weges sein könnte.
Roadmovie ohne Bewegung
Melodie, Gesang und Instrumentierung schaffen eine Atmosphäre der Distanz, der Verlorenheit und der Ungebundenheit, wie sie für die Roadmovies typisch sind. Diese Nachfolger der Westernepen, in der einsame Sucher rastlos unterwegs sind, um ihrem Glück, ihrem verlorenen Glück oder der Wiedergutmachung des Unglücks hinterherreisen, das ihnen irgendwann zustieß. In diesem Hotelzimmer irgendwo auf der Welt, irgendwo in Amerika liegt ein Mann und sinniert darüber, was geschehen würde, wenn er in die Stadt käme, wie immer, ohne Veränderung: "If I came into your city hung up on a game". Ganz der Alte, keine Veränderung, keine Bewegung, ganz so wie er sich selbst kennt, hung up on a game. Er kommt in die Stadt, in der das Du lebt, ob Mann oder Frau wird nicht deutlich, angewiesen auf dessen Hilfe: "Would you've give me your assistance though you didn't know my name." Und anstatt das Geheimnis seines Namens zu lüften, bleibt er geheim. Wiederholt stellt er, vielleicht mit einem Unterton der Verwunderung über die tatsächliche Hilfsbereitschaft des anderen, die Frage, ob er ihm wirklich helfen wolle, obwohl er seinen Namen nicht kenne. Beide sind einander fremd, zumindest unbekannt, die Beziehung ist keine ausgewogene, kein Treffen auf Augenhöhe, weil der Fremde auf die Hilfe des anderen angewiesen ist.

Aufgewacht aus einem Albtraum, in dem er verletzt und hoffnungslos ans Bett gefesselt war, wird nicht klar, ob der Sänger sich weiter in diesem Traum verloren hat oder ob es ihm gelungen ist, aufzuwachen und sich der Wirklichkeit in einer ihm fremden Stadt zu stellen. "Enjured part is in my bed and someone said they shouldn't touch me". Ist die Verletzung real? Hat er sich nur eingebildet, jemanden sprechen zu hören, der andere davor warnt, ihn zu berühren? Könnte er eine echte Gefahr für andere darstellen oder träumt er dies nur? "Can the surgeon cut it from my head If I couldn't hope you wouldn't trust me." Einiges deutet darauf hin, dass es sich um einen Albtraum handelt, wenn er von dem Arzt erzählt, der ihm etwas vom Kopf schneiden soll, damit er wieder hoffnungsvoll genug werden kann, um das Vertrauen der anderen zu verdienen. So oder so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Patient oder Gast schwer mit sich selbst im Unreinen ist und heftig mit sich zu kämpfen scheint, immer wieder auf Hilfe angewiesen, immer wieder auf sich allein gestellt. 

Flucht ans Ende der Welt
Warum der Fremde so bedrückt und sorgenvoll ist, deutet die nächste Strophe an, in der er klarstellt, "Don't want to wake up far away to hear them say, we found him." Wer sind diese them, diese sie? Und warum suchen sie ihn? Suchen sie ihn tatsächlich oder ist dies ein Teil des Albtraums, der noch im Erwachen wirkt und den Erzähler weiter verwirrt? Ist das far away, wohin er nicht mehr zurück will, die Gegend der Welt, aus der er kommt, aus der er vielleicht sogar geflohen ist? Wird er gesucht und ist seinen Verfolgern nur einen kleinen Schritt voraus? Wer ist der Fremde, der da im Hotelzimmer liegt und sich davor fürchtet, gefunden zu werden? Es wird bis zum Schluss ein Geheimnis bleiben, was wirklich geschehen ist und wer er ist. Es wird nicht klar, ob dies das Erleben eines Träumenden oder ob er bei vollem Bewusstsein ist. 

Dieses Hotelzimmer ist ein stiller Ort inmitten des Chaos, das die Welt des Fremden zu sein scheint. Ein stiller Ort zwischen Traum und Wirklichkeit, eine Wegmarke zwischen Irgendwo und Hier. Ein Raum ohne viel Hoffnung, aber Schutz für gewisse Zeit. „Hotel Room“ ist keine Liebesballade und kein Klagelied über verlorenes Glück oder entgangene Liebe. Vielmehr ist er eine Kurzgeschichte voller Andeutungen und Splitter an Informationen, über die tatsächliche Situation des Mannes. Es ist keine Bewegung in ihm, keine Entwicklung, eher der besorgte Blick zurück über die Schulter und der bange Blick voraus in eine ungewisse Zukunft. Eine Zukunft, über die nicht zu reden ist, Hoffnung auf Erlösung, die nicht sicher ist. In der Schlußformel „Old men, young men, tired and worn men raise your soul to the center of life“ schwingt schließlich der Appell zum Anschluss, zur Besinnung auf das Zentrum, die Mitte des Lebens, was auch immer das genau sein mag, denn auch dazu gibt es keine Hinweise. Eine quasi-religiöse Aufforderung, mit sich selbst ins Reine zu kommen? Drinnen das gepeinigte Ich des Erzählers, draußen Gefahr und die Aussicht auf Erlösung. Hoffnung, Friede und Freude sehen anders aus. Für den politischen Rock-Sonderling Edgar Broughton ein eher untypischer Song, in der bewegten Zeit der hoffnungsvollen frühen 70er Jahre mit seinen zahllosen optimistischen Verheißungen für die Zukunft eine eher ungewöhnliche Botschaft

Infos zur Band

Der Song


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