Statt eines Vorworts

While riding on a train goin’ west
I fell asleep for to take my rest
I dreamed a dream that made me sad
Concerning myself and the first few friends I had...

How many a year has passed and gone
And many a gamble has been lost and won
And many a road taken by many a friend
And each one I’ve never seen again

I wish, I wish, I wish in vain
That we could sit simply in that room again
Ten thousand dollars at the drop of a hat
I’d give it all gladly if our lives could be like that
Bob Dylan's Dream, 1964

Sonntag, 8. Juli 2012

Return to innocence


Return to innocence
Enigma, 1994
Michel Cretu / Amis

Ein Menschheitstraum. Der Menschheitstraum seit der Vertreibung aus dem Paradies. Die Rückkehr zur Unschuld. Der sündig gewordene Mensch sehnt sich nach seiner eigentlichen Heimat, dem Garten Eden, zurück und weiß nicht, wie er es anstellen soll, die Rückkehr zu erreichen. Dabei weist die Bibel den Weg, wenn Jesus den Jüngern, die sich über den rechten Weg ins Himmelreich streiten, sagt, „wenn ihr nicht werdet wie dieses Kind", seien sie sicher keine Anwärter auf die Himmelfahrt. Hunderte Jahre später sprach Rousseau von der natürlichen Erziehung der Kinder, die ihre Natürlichkeit und Unschuld durch die Erfahrungen in der Gesellschaft und deren Erziehung verlören. 
http://www.youtube.com/watch?v=3ZdJtsRrDjo&list=FLYZyEQvnk89h3Co5H0_d8Nw&index=2&feature=plpp_video
Der Song mit einer kitschigen Bilduntermalung

Not the beginning of the end
Return to innocence" spielt mit den Versatzstücken dieses Denkens. Der Auszug aus dem Gesang eines taiwanesischen Eingeborenenstammes bedeutet den Weg vom Gesang eines Naturvolkes zu der Kreation in einem modernen Musikstudio und deutet in den Bruchteilen einer Minute an, wie der Weg des Menschen war und vielleicht wieder sein wird. Wenn der Sänger dann einsetzt und gleich feststellt "that's not the beginning of the end, that's the return to yourself" bleibt zunächst unklar, was mit dem Verweis auf "das" gemeint ist, das nicht der Anfang vom Ende sei. Ist es der Bezug auf das Naturvolk, dessen Gesang den Song eingeleitet hat, oder ist es der begütigende Vorgriff auf den Song selbst, der mit seiner Ankündigung im Titel, die Rückkehr zur Unschuld zu sein oder zu zeigen, nicht der Anfang vom Ende sein wird, sondern durch den viel mehr mehr als das erreicht werden kann?

That's the return to yourself", eine scheinbare Redundanz, wenn man davon ausgeht, dass der Hörer vermutlich der Auffassung ist, er sei bereits ganz und gar er selbst. Eine sicher irritierende Ankündigung, die allein durch das beschwichtigende Zitat der vier Tugenden "Love Devotion Feeling Emotion" abgemildert wird. Liebe, Hingabe, Gefühl und Empfinden sind jene Eigenschaften, die den Menschen vor allen anderen Lebewesen auszeichnen und zum Menschen machen. Und hier können sie offenbar wie entscheidende Wegmarken in die Richtung Yourself weisen. Der Weg zum Selbst geht nur über Liebe und Hingabe, über die Hinwendung zum anderen Menschen, und mit ihm durch Gefühl und Empfinden die Verbindung aufzunehmen. 

Don't be too proud  
"Don't be afraid to be weak, don't be too proud to be strong," heißt es dann, wieder ein Hinweis darauf, dass es notwendig sein wird, sich in Demut und Bescheidenheit zu üben, um das Ziel zu erreichen, "return to innocence." Und dann folgt der entscheidende Hinweis für den weiteren Weg: "Just look into your heart my friend", denn "that will be the return to innocence." Am Ende liegt die Lösung so nahe bei jedem Hörer, der Song ist tatsächlich nicht der Anfang vom Ende, sondern der Anfang des Weges zur Unschuld, er liegt in einem jeden Menschen selbst und muss nur zum Leben erweckt werden. Dies ist eine größtmögliche Anspielung auf Saint Exuperys kleinen Prinzen, der bekanntlich auch mit dem Herzen am besten sah. Wieder spielt der Autor mit bekannten Versatzstücken unserer kulturellen und moralischen Gewissheiten, es bedürfe nur der Ermutigung der Menschen, die Kraft aufzubringen, nicht aufzugeben, die Chance zu nutzen: "Don't care what people say", schlussfolgert der Sänger und fordert den Hörer auf "follow just your own way, don't give up." 

Hier liegt die Ursache der Vertreibung aus dem Paradies. Die Menschen haben im Wege der Vergesellschaftung ihrer moralischen Maßstäbe ihre eigentliche Souveränität in der Lebensführung aufgegeben und verlernt, sich selbstbestimmt am eigenen moralischen Kompass zu orientieren und den Kampf darum fortzusetzen. Um den Preis des Verlustes der Unschuld ist offenbar der soziale Zwang, der Anpassungsdruck verantwortlich dafür, dass der Mensch nicht mehr auf die Stimme seines Herzens hören will oder hören kann. Tut er es erst wieder, gelingt es ihm auch, diese innere Kraft zu aktivieren, kann die Rückkehr zur Unschuld gelingen.

Rückkehr ausgeschlossen
Die Hoffnung durch die Natürlichkeit und Ungezwungenheit unseres kindlichen Ichs wieder zu einem ganzen Menschen zu werden, der sich des rechten Weges wohl bewusst ist, wie Mephisto sagte, entbehrt nicht ein wenig der Tragik, wenn man zugrunde legt, was zum Beispiel die Psychoanalyse zu diesem Thema zu sagen hat. Die Vertreibung aus dem Paradies unserer Kindheit, der Verlust unserer ursprünglichen Arglosigkeit ist die Voraussetzung zur Erlangung des Bewusstseins eines Erwachsenen, zur Selbstbestimmung und zum Selbstbewusstsein. Den Verlust der kindlichen Unschuld kann man beklagen und man kann ihn auch bedauern, dieser Verlust ist für uns alle ständig spürbar und wir kämpfen alle darum, nicht noch den letzten Rest von Erinnerung daran zu verlieren. Der Verlust des Paradieses aber bleibt, Rückkehr zur Unschuld ausgeschlossen.

Insofern liegt die Antwort tatsächlich in uns selbst, wir wissen ja, wie der richtige Weg verläuft und dass wir uns nur entscheiden müssen, ihn auch gehen zu wollen. Gleichwohl kann man nicht ignorieren, dass die Lösung der Menschheitsprobleme nicht in der Rückkehr zur Kindheit liegen kann, sondern in der Selbstbehauptung des Erwachsenen: „Don't be afraid to be weak, don't be too proud to be strong."

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